Startseite
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt

 


http://myblog.de/bildermacher

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Nachtgang

Nachts ist Aachen keine schöne Stadt. Sie ist auch tagsüber keine Perle, aber nachts gewinnt das nochmals an Qualität. Dabei liegt das noch nicht einmal so sehr an den Gebäuden, nein - es sind die Menschen, die unterwegs sind, die Situationen, denen man begegnet... und die vielen kleinen Andeutungen, Hinweise darauf, was passieren könnte.

Als ich vom Training heimgehe, begegne ich zunächst in einer dunklen Seitenstraße 4 Jugendlichen. Einer von ihnen hat das klassische Silberrückengehabe - auffällige Klamotten, auffällige Gestik, bestimmt, wohin die Gruppe läuft. Sie sehen mir hinterher, und ich werde etwas nervös. In die Unterführung folgen sie mir nicht, stürmen jedoch, als ich etwa 50 Meter weiter bin, laut jolend über die Straße. Ich ziehe meine Winterhandschuhe über - reine Kosmetik, sollten die 4 tatsächlich beschließen, mich anzumachen, kann ich nur noch laufen und beten. Aber es beruhigt mich. Als ich in belebtere Gegenden komme, fallen sie zurück. Nur Paranoia, vermutlich.... dennoch, ein ungutes Gefühl, ein hässliches was-wäre-wenn.

Als ich am Universitätsgelände vorbeigehe - an einem bestrauchten, dunklen Parkplatz, um genau zu sein - ertönt ein kurzes, spitzes, eindeutig weibliches Kreischen. Vom Parkplatz? Von der Straße dahinter, die durchaus schon zum studentischen Viertel gehört? Ich ignoriere ihn zunächst, er fügt sich in das Panorama ein; eine Minute später überfällt mich das schlechte Gewissen. Ich hätte nachsehen sollen. Höchstwahrscheinlich nur eine Weggehergruppe, in der grad Damenärgern angesagt ist. Aber was wenn...? Ich kehre nicht um, trotz des nagenden Gefühls.

Vor einem der vielen Schnellimbisse sitzen ein paar Männer, trinken, unterhalten sich. Sie lachen, als ich vorbeigehe - vermutlich über mich, ich verstehe die Sprache nicht; es klingt nach griechisch. Ich bin viel zu müde, mich darüber zu ärgern, merke kurz darauf, wie meine Knie kurz weichwerden. Bis jetzt habe ich noch nichts gegessen ausser einem trockenen Brötchen; nicht viel für einen Tag. Immerhin gibt es zuhause Pizza und Eistee. Zusammen für 1,80 im Discounter - Monatsende, Sparkost.

Weiter unten, schon fast am Bushof, fahren 2 Trainingskollegen mit Rädern an mir vorbei; so dicht aneinander, dass sie einander fast berühren. Gerade erst zusammengekommen; ich lächle innerlich. Sie bemerken mich nicht, und mir ist das ganz recht so. Ausser meinem Namen, Alter und meinem Studiengang muss in der Gruppe niemand etwas über mich wissen.

Ein paar Schritte weiter eine Frau auf einer kleinen Mauer sitzend. Schwarzhaarig, müde, abgehärmt. Älter, als sie sein sollte. Vor ihr ein Mann, der ärgerlich auf sie einredet - Bosnier, Serbe oder Kroate, Aussehen und Sprache nach zu urteilen. Leicht betrunken laut meinem Ohr; er schleppt die kehligeren Laute. Stärker betrunken, aber daran gewöhnt, meinem Gefühl nach. Ein kurzer Blick der Frau in meine Richtung.. fast hilfesuchend. Ich sehe weg, gehe weiter, und trete mich innerlich dafür. Hinter mir wird die Stimme des Mannes lauter. Wieder ein "vielleicht"....

Kurz vor meiner Wohnung noch der Blick durch ein Lüftungsgitter in einen Keller. Hell erleuchtet, kahl, aber klein. Eine Dame in Putzkleidung darin stehend, mit jemandem redend, den ich nicht sehe oder höre. Wohnt sie dort? ich will es nicht hoffen, aber es wirkt auch nicht so.

Noch einmal kurze, völlig grundlose Nervosität auf dem Hansemannplatz... auch hier zwar immer jemand unterwegs, aber im Gegensatz zum Kaiserplatz niemand, der dort hingeht, weil er sonst nirgendwo hinkann. Ein Typ, der vor dem Sexshop steht und raucht, bestimmt 4 Jahre jünger als ich. 2 Kerle, die sich über den ganzen Platz hinweg rufend unterhalten. Seltsam, das...

Der Stripclub gegenüber hat zu, aber das hat er schon lange. Kein schummrigroter Schimmer mehr aus der Tür, keine defekte Leuchtreklame. Schade irgendwie, auch wenn ich nicht sagen könnte, warum. Aber nun - endlich zuhause, und die letzte Nervosität verlässt mich, als ich den Schlüssel im Schloss drehe.
Schön ist Aachen bei Nacht wirklich nicht. Aber interessant ist es allemal.

29.9.09 00:05


Werbung





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung