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Dämmerung

Eigentlich wollt ich ja nur ne Viertelstunde in den Park oderso.

Der Geruch nach Pilzen, nach verrottendem Laub.. das ist angenehm, das ist Herbst. Eine kurze Guckpause an einem Brunnen - ein missgestaltetes Gesicht, das ewig einen Wasserstrahl in ein Becken spuckt. Ich muss mich an den "Brunnen" in Rom erinnern - wie hieß er noch gleich? - von dem man sagt, dass er, wenn man mit einer Hand in seiner Mundöffnung, eine Lüge spricht, selbige Hand abbeisst. Habs ausprobiert damals; meine Hand hab ich noch. Inzwischen merk ich dafür, dass ich Informatiker bin: Ich kreiere eine Aussage, die ein sicherer Test ist, indem sie immer gelogen ist. Ich bin komisch.
Nach einer Weile komm ich auf der Spitze des Hügels an, um den herum der Stadtpark aufgebaut ist - ein weites Rund, wie eine Lichtung, das jedoch nur drei Eingänge in der Steinmauer, die es umfriedet besitzt und mit der Feuerstelle in der Mitte ein wenig an einen keltischen Kultplatz erinnert. Ein schöner Ort für ein Feuer.... viel Platz, relative Ungestörtheit und Diskretion, und eine gewisse Vorwarnzeit für den Fall, dass die Bullen doch was mitkriegen. Vielleicht hier selbst einmal ein Feuer machen? Natürlich nur zu zweit oder dritt, was fast wie eine Verschwendung des Ortes wirkt. Wir werden sehen.
Ich steige auf der anderen Seite wieder herunter, und merke, dass es dunkler wird - die Nacht kommt, aber auch die Wolken werden dichter. Die ersten ganz, ganz sanften Spuren eines Gewitters ziehen in der Ferne auf. Ich mag das sehr.
Nachdem ich ein bisschen kreuz und quer gelaufen bin, entdecke ich einen sehr einladenden Weg, dem ich folge , bis ich kurz vor der Hügelspitze anhand eines an einen Strauch geknoteten Taschentuchs entdecke, dass es der Weg ist, den ich als erstes genommen habe, um auf die Hügelspitze zu kommen. Ich bin irritiert.
Als ich nach zwei weiteren Versuchen, den Park in der gewünschten Richtung zu verlassen, wieder auf der Hügelkuppe stehe, beginnt mir zu dämmern, dass ich es geschafft habe, mich im Stadtpark zu verlaufen. Im Stadtpark, gottimhimmel! Das Ding ist höchstens einen Quadratkilometer groß, wenn überhaupt. Gleichzeitig sucht mein übermüdetes Hirn nach Erklärungsmöglichkeiten: Spielen mir die durchwachten Nächte einen Streich, sodass ich immer wieder im Kreis laufe? Oder will der Park mich nicht fortlassen? Schlagartig scheint alles einen Ton düsterer, das Licht wirkt schwindend, und der Park nimmt eine sinistre, aber auch spannende Schattierung an.
Diese kleine Wahnvorstellung hält etwa 30 Sekunden an. Dann fällt mir auf, dass der Park rund um die Kuppe dreigeteilt ist, und ich immer zwischen den ersten beiden Teilen hin- und hergelaufen bin und mich gewundert habe, warum ich den von mir gewünschten Ausgang - der im dritten Teil liegt - nicht finde. Japp, definitiv Informatiker. Schade eigentlich - die Erklärung vom irrelenkenden Zauberpark hätte mir wesentlich besser gefallen, muss ich zugeben.
Jetzt finde ich relativ schnell hinaus, und bemerke dabei zum einen, dass es tatsächlich düsterer wird - Nacht und Gewitter rücken näher -, zum anderen, dass die Wege des Parks offenbar mit Absicht möglichst verwirrend und verschlungen gestaltet wurden. Ob dies nun geschehen ist, um den Park dadurch größer erscheinen zu lassen, als er ist (klappt bei mir ja gut....), oder um Aachen als Standort durch die Errichtung eines Abenteuerspielplatzes für Räuber und Vergewaltiger attraktiver zu machen, sei dahingestellt... dennoch, vor Einbruch der Dunkelheit schätze ich diese Arrangement, auch wenn es den Wald nicht einmal ansatzweise ersetzen kann. Zu gepflegt, freundlich, kultiviert; und zu sehr die Spur der Menschen.
Als ich schließlich aus dem Park draussen bin, stelle ich fest, dass ich doch den falschen Ausgang erwischt hab (Überraschung...) und noch etwas Fußmarsch vor mir habe. Zunächst jedoch werde ich fast von zwei Segways überfahren. Hilfe... aber passt. Wenn man irgendwo in Deutschland sinnfreies Technikspielzeug ausprobiert, weil es blinkt, summt und Geld kostet, dann in Aachen. Die beiden.. Fahrer? Steher? Lenker? whatever... ah! Technophilen entschuldigen sich bei mir, was ich mit einem undefinierten Grunzen, gepaart mit der Mimik eines Lobotomiepatienten, beantworte - meine sozialen Reflexe sind unverändert überarbeitungsbedürftig.

Um weiteren Überrollversuchen zu entgehen, biege ich in eine mir nicht bekannte Seitenstraße ein, die mich jedoch auf den Weg nach Hause, mit einer Zwischenstation beim Büdchen, bringen sollte.
Die Füße übernehmen jetzt wieder den Weg, ich habe Zeit aufzublicken - und finde mich in einer anderen Stadt wieder. Mittlerweile ist die Dämmerung hereingebrochen, und am Himmel jagen Gewitterwolken; dennoch geht kein Wind, und eine eigenartige Ruhe liegt in allem. Das entstehende Licht zeichnet die Stadt als eigenartigen Parallelort, als Welt der Schatten. Nicht bedrohlich, nicht einmal ansatzweise; jedoch völlig fremd. Eine Stadt, die ich noch nie betreten habe.
Hinter Vorhängen sieht man einen alten Mann in einen Fernseher starren... das künstliche Licht, und der starke Kontrast zu hier draussen lassen ihn wie tot erscheinen; als säße da eine leere Hülle - nein, nicht ganz. Als hätte sich ihr Bewohner ganz tief ins Innere zurückgezogen, und dem Körper die Welt überlassen.
Die Menschen, die mir entgegenkommen, wirken wie Gestalten eines Film-Noir-Werks. Vor mir ragt eine Kirche auf - düster, eine seltsame Basilika, die fremdartigen, mechanischen Göttern huldigt;
ich bin an einem Ort, der kein anderes als dieses Licht kennt.

Dann sehe ich das Schaufenster eines leeren Ladens, das mit frischen Brötchen und warmem Kaffee im Becher wirbt. Der Neonflamingo vor dem Headshop auf der anderen Straßenseite zwinkert mir noch einmal zu, und ich bin wieder in dem Aachen, das ich kenne, bin auf meinem üblichen Heimweg von der Uni.

Ins Büdchen, Cola kaufen; vorbei an einem Betrunkenen, der sich an ein Schaufenster stützt und die Welt anschreit; sich fragen, welche Erinnerung die Neonreklame in dieser seltsamen Abendgewitter heraufbeschwört, die da so hartknäckig im Hinterkopf sitzt; und zusehen, wie die Straßenlaternen angehen und in Aachen die Nacht beginnt.

 Da denkt man, man geht in den Park, und wo landet man? Im Zauberwald und der Schattenstadt. Ich sollte öfter rausgehen.

 

4.10.09 20:11
 


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