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Drogen, Okkultes und Edamer

Seit... hm, einem Jahr, tendenziell aber eher mehr, gründet sich mein Weltbild darauf, dass wir die Welt nur über unsere Sinne wahrnehmen können und mithin Realität etwas Subjektives ist. Natürlich gibt es einen gewisssen intersubjektiven Bereich, eine gemeinsame Grundrealität, wenn man so will, der Erfahrungen und Wahrnehmungen, die man in Worte kleiden kann, und während das noch nicht garantiert, dass man die gleichen Phänomene mit den gleichen Worten bezeichnet (siehe Farbenblindheit: "Rot" bezeichnet je nach Betrachter eine eigene Farbe oder einen bestimmten Grauton) , garantiert es doch eine gewisse Ähnlichkeit in den Strukturen unserer Wahrnehmung. Das, sowie die Tatsache, dass wir nicht ständig in für uns nicht wahrnehmbare Löcher plumpsen oder von unsichtbaren Kreaturen gegessen werden, garantiert uns auch, dass unsere Wahrnehmungen in einem gewissen Kontakt zu dem stehen, was "im Aussen" geschieht. Für mich folgte und folgt daraus der Schluss, dass es müßig ist, Spekulationen über das anzustellen, was jenseits des Wahrnehmbaren liegt: Leben nach dem Tod, Gott, oder die Frage, ob wir Gehirne sind, die in einer Nährlösung schwimmen. So blöd es klingt: Für uns macht es ja keinen Unterschied, ob es jetzt Gottes Wille war, dass die Leitplanke ausgerechnet an der Stelle ein Loch hatte (oder eben nicht), oder obs einfach scheisse lief; oder ob nun die Nervenenden Schmerz melden, oder ein Rechner einen entsprechenden Stimulus weitergibt.
Gestern nun geriet ich über das Nachlesen zu einer Technik namens "Spiegelstarren" in ein Esoterikforum, und las wieder einmal mit einer Mischung aus Amüsement, Erstaunen und Befremden Beiträge von Nutzern, die im Tonfall der Normalität davon plaudern, sich mit den Hütern von Steinen zu unterhalten, und ausgedehnte ethische Diskussionen zum Gebrauch von Magie führen. Nun war mir das schon länger bekannt; dennoch kam eine eigentlich offensichtliche Erkenntnis erst jetzt.

Aus meinem oben geschilderten Weltbild ergeben sich nämlich zwei interessante Fragen:
1) Kann etwas, das ausserhalb unseres Wahrnehmungssystems existiert (sofern so etwas überhaupt existiert), dennoch Einfluss auf uns haben? Bisland tat ich das als unsinnig ab, bis mir auffiel, dass Interaktion nicht unbedingt immer gegenseitig sein muss, und die Annahme, das sei unsinnig, eigentlich selbst unsinnig ist.
2) Gibt es für uns Menschen Möglichkeiten, unsere Wahrnehmungsfähigkeiten zu erweitern?

Natürlich wirft Punkt 2 das Problem der oben angesprochenen Intersubjektivität auf - in dem Moment, in dem man sein Wahrnehmungsspektrum über die Norm hinaus erweitert, verlässt man auch die Übereinkunft darüber, was Realität ist, und die Möglichkeit, die eigenen Erfahrungen mit anderen abzugleichen. Womit Wahrnehmung, Autosuggestion, Halluzination und Wahnvorstellung ununterscheidbar werden - eine beunruhigende Vorstellung. Freundlicherweise liefert Frage 1 eine Lösung für dieses Dilemma, indem man neue Wahrnehmungen darauf überprüfen kann, ob eventuelle Auswirkungen in der gemeinsamen Realität auch von anderen wahrnehmbar sind. Sind sie das, ist die Wahrscheinlichkeit zumindest gut, dass man tatsächlich darin Erfolg hatte, das eigene Wahrnehmensspektrum zu erweitern. Sind sie es nicht... nun, dann wäre das ein guter Zeitpunkt, einen Arzt aufzusuchen. Und haben sie keine Auswirkungen, sind sie im Grunde genommen egal: Interessant, aber nicht lebensrelevant.

So weit, so schön. Was ergibt sich daraufhin für den Interessierten? Die Frage nach möglichen Wegen, die eigene Erfahrung zu erweitern. Dabei bietet sich zum einen der Konsum von psychtropen bzw. psychedelischen Drogen an, zum anderen eine gewaltige Vielfalt an esoterischen Techniken, die dieses Ziel verfolgen, und von meditativer Gymnastik bis zu magischen Riten vermutlich jeden gewünschten Grad an Seltsamkeit abdecken.
Drogen? Illegal, nicht ungefährlich, man verabschiedet sich unter Umständen von der Fähigkeit des Verstandesgebrauchs (zumindest während der Erfahrung), und mir fiele keine Möglichkeit ein, die Bilder und Erlebnisse während eines Substanzenrausches mit den Wahrnehmungen ausserhalb des Rausches "abzugleichen" - sprich, die Rauscherfahrungen bleiben auf den Rausch beschränkt. Zwar habe ich ein paarmal mit Leuten gesprochen (und ein paar Erfahrungsberichte gelesen), die erzählten, dass ein LSD- oder Salvia-Rausch ihr gesamtes Weltbild umschmissen, ihnen verblüffende Erkenntnisse über die Natur des Universums offenbarten, und Ähnliches. Interessant, aber nicht mein Ding - kein Ansatz, darüber nachzudenken, es zu analysieren, und keine Möglichkeit, festzustellen, woher dieses Wissen stammt. Lass ich also besser.
Bleibt noch die zweite Möglichkeit... Esoterik und Okkultes. Und hier wirds spannend, zumindest für mich.
Zum einen natürlich stellt sich hier das übliche Problem - wo fängt man an? Einfach so, im Selbstversuch? Das kostet Zeit, und ist unter Umständen durchaus risikobehaftet (dazu aber gleich mehr). Oder sucht man sich jemanden, der bereits Ahnung hat? Das wird schwierig. Leute, die sich ernsthaft mit Esoterik und dem Okkulten beschäftigen, sind so leicht zu finden wie Tiefkühlpizza mit echtem Käse drauf. Schließlich beanspruchen auch die rechten Strömungen der Neopaganisten, Scientology oder Hare Krishna für sich, ernsthafte Antworten bereitzustellen - genau wie alle anderen macht- und/oder profitorientierten Scharlatane, Personenkultführer und Faktenbieger. Wie also hier jemanden herausfiltern, dessen Interesse tatsächlich dem Verstehen und dem Vermitteln desselben gilt, und der nicht versucht, eine vorgefasste Meinung - ob nun für oder gegen Phänomene ausserhalb der Alltagswahrnehmung - zu bestätigen? Nicht einfach, und eine Fehlentscheidung bedeutet bestenfalls eine Menge verlorener Zeit, schlimmstenfalls einen Irrweg in eine Sekte oder einen Kult.
Dennoch: Das ist es nicht, was mich zögern lässt.
Ich hatte oben davon gesprochen, dass "Selbststudium" unter Umständen nicht ungefährlich ist, zumindest für mich. Warum?

Überspitzt ausgedrückt, bedeutet die Entscheidung, sich mit Esoterik und Okkultismus zu beschäftigen, für mich auch, meine geistige Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Das klingt jetzt scheusslich melodramatisch, trifft es aber ganz gut.
Ich habe, seit ich denken kann, panische Angst vor allem, was man "übersinnlich" nennen könnte. Insbesondere Geister, aber auch andere unerklärliche Phänomene jagen mir eine Heidenangst ein - wohlgemerkt, ohne jemals etwas dergleichen erlebt zu haben. Leichte Paranoia und milde Panikwellen sind da für mich durchaus nichts ungewöhnliches, und ich entwickle von Zeit zu Zeit eigenartige Spleens, die dazu recht gut passen - in den letzten Wochen etwa eine starke, völlig unerklärliche Angst davor, in den Spiegel zu schauen. Angst davor, was ich darin sehen könnte - ein Spiegelbild von mir, das plötzlich unabhängig agiert, Dinge, die im Spiegel, jedoch nicht im Aussen da sind, oder umgekehrt - Dinge im Aussen, die nicht im Spiegel zu sehen sind. Es ist heller Tag, und weit und breit kein Spiegel in der Nähe. Dennoch bekomme ich, während ich das tippe, eine Gänsehaut und verspüre den starken Drang, mich ständig umzusehen (obwohl hinter mir nur die Wand ist - ich sitze so, dass ich beide Türen im Blick habe). Man sieht: Ich bin ein Feigling, und ein sehr sonderbarer noch dazu.
Das, addiert zu der Tatsache, dass eines der wenigen Dinge, an die ich glaube, unsere Fähigkeit, Dinge verstandesmäßig zu erfassen, ist, lassen obige, melodramatisch klingende Behauptung durchaus Substanz bekommen. Sollte ich tatsächlich eigenartige Phänomene erleben, will ich mir nicht vorstellen, was aus meinen kleinen Spleens und gelegentlichen Angstattacken wird; und selbst wenn nicht: Meine Paranoia schlafen nicht, und saugen begierig jede neue Drohung, jedes unstimmige Detail in sich auf.
Früher stand ich auf dem Standpunkt "Erkennen um jeden Preis". Jetzt, wo das realer wird, wo der Preis plötzlich nicht mehr ein Zahn oder ein Finger oder jahrelange Mühe, sondern meine Verwurzelung in "unsererer" Realität ist - jetzt muss ich mich ernsthaft der Frage stellen: Ist es das wert? Es gibt ein Rollenspiel namens "Call of Cthulhu"; ein Horrorrollenspiel, das im Cthulhu-Mythos von H.P. Lovecraft angesieldet ist. Darin haben die Charaktere neben allen anderen Statistiken auch einen Wert für die "geistige Stabilität". Eine der größsten Gefahren des Spiels ist es, irgendwann mit dem Grauen und der Fremdartigkeit dessen, dem man begegnet, nicht mehr zurechtzukommen, und einfach überzuschnappen - plötzlich kann ich mir das sehr gut vorstellen.

Das Problem an all dem ist: Mich beschleicht gleichzeitig die Vermutung, dass ich vor diesen meinen Ängsten keine Ruhe haben werd, bevor ich mich ihnen stelle. Die Frage ist nur: Was wird mich das kosten, und bin ich bereit, das zu zahlen?
Ich hab mir früher oft vorgestellt, Magier zu sein, fand das ne hübsche Vorstellung... ich weiß nicht, ob es in dieser Welt Magie gibt, aber wenn es sie gibt, so zeichnet einen Magier wohl vor allem die Fähigkeit und der Mut dazu aus, sich genau so etwas zu stellen: Der Ur-Angst vor dem Unbekannten, Unkalkulierbaren, die Beschäftigung mit Dingen, die das eigene mentale Gleichgewicht aus der Bahn werfen können. Ich muss sagen, das macht die Vorstellung nicht mehr anziehend, sondern vor allem eines: Beunruhigend.

Und ich hab ne Menge Fragen, die ich mir stellen muss, bevor ich mich entscheide, in welche Richtung ich jetzt geh.

12.10.09 17:11
 


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